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  • Eiskalte Fakten über das Leben im winterlichen Wattenmeer

    Watt ist los im Winter?

    09. Dezember 2016

    Winter im Wattenmeer: Eis und Schnee bedecken die Wattflächen

    Die enorme Biodiversität und die unvergleichlich große trockenfallende Fläche verhalfen dem niederländischen, deutschen und dänischen Wattenmeer zu seinem besonderen Schutzstatus. Seit 2009 schmücken sich Deutschland und die Niederlande mit einem gemeinsamen UNESCO-Weltnaturerbe. In 2014 zog auch Dänemark nach. Das Wattenmeer vor der dänischen Küste wurde Teil des Weltnaturerbes Wattenmeer. Aber was passiert im winterlichen Wattenmeer? Machen Fische und Strandkrabben Winterschlaf? Sterben die Pflanzen ab, um sich im kommenden Frühling neu zu bilden?

    WattWiki hat sich auf die Suche nach Antworten begeben – natürlich bei den Profis! Die zertifizierten Nationalpark-Führer Gerke Ennen, Heino Behring sowie die Leiterin des Nationalpark-Hauses Baltrum, Karen Kammer, liefern „eiskalte“ Fakten.
    UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer: Austernfischer im Winter

    Frau Kammer, als Leiterin des Nationalpark-Hauses Baltrum sind Sie das ganze Jahr über draußen. Man möchte sagen, Sie bieten die erste Wattwanderung des Jahres an, wenn Ebbe und Flut sowie die Lichtverhältnisse es zulassen. Verändert sich die trockenfallende Landschaft im Winter stärker als im Sommer?

    Karen Kammer: Ja, im Winter ist die ungeheure Dynamik im Watt und am Strand unmittelbar spürbar. Bei Sturm muss man sich selbst schon ordentlich gegen den Wind stemmen, um vorwärts zu kommen. Da merkt man am eigenen Leibe, welche Kraft dahinter steckt! Wind und Wasser entwickeln gemeinsam eine ungeheure Kraft, sodass größere Sandmassen verschoben werden können. Insbesondere im Watt sieht man im Kleinen die unterschiedlich stark ausgeprägten Wattrippeln, bei größeren Umwälzungen verändern sogar die Priele ihren Verlauf. Durchschnittlich strömt das Wasser mit 30 cm/h über die Wattflächen, an stürmischen Tagen kann die Flut fast doppelt so schnell strömen! Ein wunderbares Erlebnis am Rande ist in Eiswintern das Auftürmen der Eisschollen, die die Gezeitenwelle vor sich her schiebt…

    Herr Behring, Sie sind schon in zweiter Generation als Wattführer auf Juist unterwegs, haben sogar eine Muschelbank vor der Insel aufgebaut. Überwintern Muscheln im Wattenmeer?

    Heino Behring: Normalerweise überleben die Muscheln im Winter die Kälte, sie tragen eine Art natürlichen Frostschutz in sich. Und mehr noch: Muschelbänke sind die Kinderstuben für viele Tiere im Wattenmeer. Sie bieten kleinen Krebsen, Würmern und Co. die Möglichkeit ungestört aufzuwachsen. Wichtig ist, dass die Muschelbänke in tieferen Wattgebieten liegen. Im flacheren Wattgebiet würden die Tiere bei längeren Frostperioden und Eislagen Schaden nehmen (mangels Wasser) und damit auch alles Leben darin.

    Hinzu kommt, dass das Watt selten komplett einfriert, d. h. weit in den Boden hinein Eis bildet. Das passierte zuletzt im Winter 1995/96. Damals überlebten viele Tiere im Watt, darunter auch Muscheln, den harten Winter nicht. Es bildete sich eine Unmenge toter Biomasse, die nicht mehr neutralisiert werden konnte. Das neu entstandene und entstehende Leben im Watt musste die Unmengen an Biomasse verarbeiten und das ist auch für die jungen Würmer, Muscheln, Krebse etc. schwierig. Der Organismus ist in seinem Kreislauf gestört. Es dauerte ca. zwei Jahre bis sich die biologischen Prozesse wieder normalisierten. Damals konnte man riesige schwarze Flecken im Watt registrieren. Es ist ein sehr komplexes Thema und schwierig in wenigen Worten zu erklären.

    Und wie sieht es mit Strandkrabben aus? Haben sie in der kalten Jahreszeit eine Art Rückzugsort?

    Heino Behring: Zum einen bieten die Muschelbänke Schutz, zum anderen ziehen sich größere Tiere in der kalten Jahreszeit auch in tiefere Zonen der Nordsee zurück. Aber auch Krabben verfügen über einen natürlichen Schutz gegen eisige Temperaturen. Es gilt, alles was sich bewegen kann, also wandern und schwimmen, zieht sich im Winter in die tiefere Nordsee zurück. Nur die jungen Tiere bleiben in flacheren Gebieten (Watt) und nutzen daher solche Schutzmöglichkeiten wie die Muschelbank oder auch Steine, Lahnungen, Buhnen etc.

    Salzwiesen im Winter

    Wie sieht es mit den Gewächsen einer Salzwiese aus, Herr Ennen? Sterben Queller, Strandaster und Co. ab, um sich im nächsten Frühling neu zu bilden? Gibt es überhaupt Pflanzen im Wattenmeer, die sich im Winter auf einer Wattwanderung erkunden lassen?

    Gerke Ennen: Die meisten Pflanzen sterben tatsächlich ab. Die Saat fällt jedoch vorher zu Boden und wird von den vielen (Sturm-)Fluten im Winter verdriftet. Im Jahr darauf erblüht die Salzwiese aus dieser Saat. Gräser degenerieren teilweise. Altes stirbt ab und verholzt. Ihr Wurzelstock wird sich aber im nächsten Jahr wieder neu bestocken und neues junges Grün hervorbringen. Eine Ausnahme ist der Andel, ein Gras auf der Salzwiese. Er bringt in unseren vorwiegend milden Wintern permanent junge Triebe hervor. Das zieht wiederum Massen von Gänsen an, die sich an diesem Grün laben. Von der Standaster, die im Juli und August großflächig die Salzwiesen in gelbe und blau-violette Farben taucht, sind im Winter nur noch vertrocknete Strunken übrig. Die Strandaster ist zweijährig, die Saat vom letzten Jahr geht im Frühjahr auf, im Winter sterben die Blätter ab. Aus der Wurzel wird ein Jahr später eine der größten Blütenpflanzen der Salzwiese entstehen. Und auch im Winter steht dort der Blasentang auf Muschelbänken und den Buhnen. Seegras degeneriert im winterlichen Watt und wird aus der Wurzel heraus im Frühjahr das Watt erneut erobern.

    Und wie ergeht es Seezungen und Schollen? Ziehen sich Fische weiter in die Nordsee zurück? Halten sie etwa Winterschlaf?

    Gerke Ennen: Die hauen förmlich ab! Diese Tiere zieht es in tieferes Wasser, da ist es wärmer, beispielsweise vor die nördliche Küste Dänemarks oder in den Englischen Kanal. Die älteren Schollen zieht es auf die Doggerbank mitten in der Nordsee, wo sie im Spätherbst ablaichen und sich reproduzieren. Die feinen Larven erreichen uns im Frühjahr mit der Gezeitenströmung. Dann dient das Wattenmeer wieder als größter Schollen-Kindergarten.

    Das Wattenmeer im Winter: Am Rand der Priele bilden sich Eiskrusten

    Sagen Sie, Frau  Kammer, von der enormen Biodiversität kann man im Winter eigentlich nicht mehr sprechen, oder? Die Prozesse finden nur noch sehr begrenzt statt. Es wird kaum noch Biomasse produziert, oder?

    Karen Kammer: Solange das Watt nicht unter Eis liegt, dient es immer noch vielen Vögeln als Nahrungsgrundlage. Unter den Vögeln findet man im Wattenmeer auch einige Wintergäste, z.B. die Schneeammer, der es im hohen Norden im Winter zu kalt ist und die es aufgrund der Witterung und vorhandener Nahrung zu uns zieht.

    Durch die Kälte und wenigen Sonnenstunden ist das Leben und die Produktion im Watt natürlich ausgebremst – bedingt dadurch, dass die Bodenbewohner wechselwarm sind, fehlt ihnen im Winter die notwendige „Betriebstemperatur“ für hohe Produktivität, sie halten ihren Stoffwechsel auf Sparflamme.

    Wer vor den frostigen Temperaturen nicht flüchten kann, versucht sein Heil durch tieferes Eingraben (adulte Würmer, bestimmte Muschelarten wie z.B. Herzmuschel) oder Einlagerung von Frostschutzmitteln (Miesmuschel). Kälteempfindliche Arten, wie beispielsweise Herzmuschel und Bäumchenröhrenwurm, haben in kalten Wintern deutliche Verluste während die  Miesmuschel ganz gut gewappnet ist. Die entsprechenden Verluste werden im Frühling durch reichliche Fortpflanzung  wettgemacht. Und da winterliche Verluste auch die Fraßfeinde der Muscheln und Würmer, zum Beispiel Strandkrabben, dezimieren, bleibt das System relativ gut im Gleichgewicht.

    Die WattWiki-Redaktion bedankt sich herzlich für die Beantwortung der Fragen bei:
    Karen Kammer, Leiterin des Nationalpark-Hauses Baltrum
    Heino Behring, Wattführer auf Juist
    Gerke Enno Ennen, Wattführer an der niedersächsischen Nordseeküste

    Fotos: Beate Ulich, Wremen, www.ulichs-reisen.de

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